Ein Abend, der emotional abholt und mit der Fantasie des Publikums spielt. Stefan Hallmayer, Intendant im Lindenhof, steht vor der Rente, verabschiedet sich mit „Der alte Mann und das Meer“, spielt die einzige Rolle im Stück. Er trägt, in immer größerer Intensität, den nahezu ungekürzten Inhalt der Novelle vor. (…) Luca Zahn, Hallmayers Sohn, führte erstmals Regie, übertrug Hemingways Text neu, richtete ihn für die Bühne ein. Für seine Inszenierung hat er Hemingways Text aufgeteilt. In Passagen für auktorialen Erzähler und Passagen, in denen der alte Mann selbst spricht. Ein Spiel aus Nähe und Distanz bestimmt die Handlung. Stefan Hallmayer tritt erzählend aus ihr heraus und wieder in sie ein, um mit Seilen, mit Stangen zu hantieren, im Boot zu kauern, sich aufzubäumen. Er spricht sich selbst zu, betet, schlägt nach den Haien. Als Erzähler und Akteur wird er mehr und mehr vom Sog der Sprache, der Dramatik der schlichten Handlung mitgerissen. María Martínez Peña schuf die Bühne. Ganz zu Beginn liegt sein Boot unter schwarzglänzender Folie. Diese Folie bedeckt auch Boden und Wände. Das Boot selbst, so zeigt sich schließlich, besteht aus Mast und weiß leuchtenden Rippen. Sie verwandeln sich zuletzt in das Gerippe des großen Fisches, der von den Haien zerrissen wurde. Windmaschinen peitschen die schwarzen Planen. Stefan Hallmayer zieht sie zu sich ins Innere des Bootes, das sich um eine einzelne Verankerung im Boden dreht, zieht Bahnen des schimmernden Materials auf: Sturm oder Kampf. Und kein Land in Sicht. Das Licht wechselt, schafft Momente schwebender Ruhe. Johannes Hofmanns elektronische Musik liegt wie Dunst auf den Wogen, klärt sich, verdichtet sich. Alles beschwört Naturgewalten, eine weit größere, unfassbare Welt herauf. Die Fantasie der Zuschauer, könnte man sagen, wird bei diesem Stück mächtig ins Boot geholt. (…) Diesen fundamentalen Reiz, der sich in Hemingways letztem zu Lebzeiten veröffentlichtem fiktionalen Werk exemplarisch verdichtet, hat zweifellos auch Stefan Hallmayer gespürt, als er sich für seine letzte große Rolle entschied. So, wie er sich da abmüht, in seinem kleinen Boot, ist auch er ein alter Mann, der noch einmal kämpft. Mit einem Walfisch von Text, Gefühlsstürmen, Enttäuschung, Verzweiflung, Trotz. Über gut 100 Minuten hält er seine Leinen straff, zeigt eine bemerkenswerte schauspielerische Leistung. Er wirkt erschöpft zuletzt, fast ausgezehrt, als habe er tatsächlich einen Tag und eine Nacht auf hoher See verbracht – „Das Ufer“, sagt er, hält Ausschau, „ist weiter weg, als man dachte.“ (Thomas Morawitzky, Online abrufbar unter: Die deutsche Bühne)