Am  2. November feiert die zweite Wohnzimmertheaterproduktion des Theater Lindenhof in einem Wohnzimmer in Melchingen Premiere. Erarbeitet wurde es vom Künstlerduo Silvia Marks und Johannes Schleker in enger Zusammenarbeit mit der Lindenhof Schauspielerin Linda Schlepps. Vorab sprachen wir mit den Theatermachern und der Schauspielerin über die Herausforderungen, Theater für das Wohnzimmer zu entwickeln. Wie findet man das richtige Thema? Wie schafft es ein Schauspieler, die richtige Mischung aus Nähe und Distanz zum Publikum herzustellen?

Habt ihr schon vor Probenbeginn ein Thema für das neue Wohnzimmerstück festgelegt? Wie viel Persönliches fließt bei so einer Stückentwicklung mit ein?

Johannes: Der klassische Theaterraum ist eine Blackbox, in der alles gespielt werden kann und jedes Thema passt. Beim Wohnzimmertheater ist der Ort ein mit zu verhandelndes Thema. Das Verhältnis von Raum und Thema ist sozusagen umgekehrt. Die Themenrecherche dreht sich eigentlich im Wesentlichen darum, was in den Raum, also in das Wohnzimmer, passt.

Silvie: Ich habe schon Themenfelder mit in die Probe gebracht. Bei einer Stückentwicklung mache ich mir davor Gedanken über die Person, die spielen wird. Was ist sie für ein Typ? Was bringt sie mit? Beim Wohnzimmertheater mit Linda lagen die Themen Frau und Wohnraumgestaltung nahe. Aber es geht auch um die Frauenrolle, auch im Theater, die ja oft eine unterstützende ist.

Johannes: Das Wohnzimmer ist ein Privatraum, wo sich Themen vergesellschaften, Gesellschaft sich einschreibt und stattfindet. Das wollten wir mit ins Konzept aufnehmen. Das Wohnzimmer als Keimzelle der Gesellschaft und kleinste Einheit der Gesellschaft.

Linda: Wir haben versucht, das was ich mitbringe, an den Themen, die Silvie mitgebracht hat, aufzuziehen. Insgesamt haben wir viel diskutiert und die Themen enger geführt. Irgendwann hat sich das Thema Harmonie im Wohnzimmer herauskristallisiert. Harmonie im konkreten Raum, dem Wohnzimmer, aber auch auf das große Ganze bezogen. Insgesamt ist schon viel Persönliches, vieles was mich beschäftigt, in die Stückentwicklung eingeflossen. Das fühlt sich auch wie ein Risiko an. Es ist aber auch toll, wie man sich einbringen kann und im zweiten Schritt wird es in einen Theatertext gefasst und in eine eigene Sprache und eigene Bilder gepackt. Es wird eine Kunstform daraus und dadurch mehr. Unabhängig von einem selbst. Diese Erfahrung wünsche ich jedem einmal.

Silvie: Ja, Linda kommt zwar mit ihrem Namen, steht aber nicht privat auf der Bühne.

Gibt es große Unterschiede zu anderen Theaterproduktionen?

Linda: Ich habe noch nie so etwas gemacht wie das Wohnzimmertheater. Das ist total spannend für mich. Man steht ganz anders im Zentrum. Man ist alleine und es interessiert, was man macht. Nicht wie bei anderen Stücken, wo man sich immer wieder zurückziehen und verstecken kann. Mich hat die Arbeit auf einigen Feldern weiter gebracht.

Johannes: Im Wohnzimmer ist eine ganz andere Kommunikationssituation. Die Trennung Zuschauer – Schauspieler ist anders, durchlässiger. Es gibt ein sehr starkes interaktives Element, man spielt Nase an Nase vor dem Publikum. Für den Schauspieler, aber auch für das Publikum, bedeutet das eine erhöhte Risikosituation mit einer verstärkten Kommunikationssituation. Weder Schauspieler noch Publikum dürfen dabei überfordert werden.

Linda: In ein konkretes Wohnzimmer reinzugehen ist dann doch so ein Schockmoment. Man muss ja das ganze Stück alleine führen, man muss viel Inhaltliches transportieren und man muss die Momente der Beteiligung moderieren, also dem Publikum klarmachen, jetzt übernehme wieder ich. Da ist für mich das Team ganz toll, da das mich gut eingeführt hat, mitmacht und dafür sorgt, dass ich mich wohlfühle. Aber natürlich schleudert man manchmal total.

Gehört eine Menge Improvisation zum Wohnzimmertheater automatisch dazu?

Silvie: Ein Wohnzimmertheater ruft nach offenen Momenten. Man könnte natürlich auch hier die vierte Wand hochziehen, aber das würde dem Ort entgegenstehen. Es gibt also offene Stellen im Stück, wo stark auf den Ort Bezug genommen wird und die viel Raum lassen für Improvisation.

Linda: Ich bin nicht der Impro-Typ, aber ich habe gemerkt, dass das für mich auch geht. Ich lege etwas vor und schaue, wie das mit den Leuten funktioniert. Man muss sehr im Moment sein. Das ist auch ein Spagat, sich dabei nicht vom Konzept zu verabschieden.

Johannes: Grundsätzlich wird im Wohnzimmer mehr kommuniziert. Da muss klar transportiert werden, was wann vom Publikum erwartet wird. Es muss Spielregeln geben, die dem Schauspieler und dem Publikum Sicherheit verschaffen. Natürlich könnte man im Wohnzimmer auch einen Monolog raushauen. Aber wir wollen ein Format anbieten, das alle herausfordert und nicht nur gemütlich ist. Sozusagen Theater unter dem Vergrößerungsglas. Das funktioniert über Situationen, die mit viel Offenheit arbeiten. Ich habe großen Respekt vor Lindas Arbeit, sehr präzise mit Text umzugehen und sehr präzise zu spielen. Man muss Impulse wahrnehmen, offen bleiben dafür, aber muss trotzdem den Spannungsbogen des Abends alleine beisammen halten. Das ist eine hochkomplexe Leistung. Das ist Theater verstärkt.

Silvie: Ja, Linda trägt den ganzen Abend. Das ist toll.

Wie probt man so, dass das entwickelte Stück in allen möglichen Wohnzimmern gelingen kann?

Johannes: Die Proben bleiben lange sehr abstrakt. Man befindet sich ja ohne Publikum im Probenraum. Wir haben zwar eine Fläche von 1,5 auf 1,5 m aufgemalt und versucht unterschiedliche Reaktionen des Publikums zu simulieren, aber so richtig überprüfen, ob das Ganze funktioniert, kann man erst sehr spät. Wir haben daher bereits zwei Wochen vor der Premiere viele Proben in Testwohnzimmern ausgemacht.

Nach der Premiere geht Linda Schlepps mit dem Wohnzimmertheater auf Tour. Jeder kann zum Veranstalter werden, indem er einen Termin vereinbart und Gäste in sein Wohnzimmer einlädt. Dank einer Förderung im Rahmen des Projekts Trafo – Modelle für Kultur im Wandel der Kulturstiftung des Bundes ist das Theaterangebot kostenlos. Anfragen gerne per Mail an tour@theater-lindenhof.de.